Unsere Heiligen – Menschen, die bleiben
Heiligkeit hat für uns wenig mit makellosen Lebensläufen, Wundern oder kirchlichen Dogmen zu tun. Unsere Heiligen sind Menschen, die Spuren hinterlassen, die durch ihr Leben, ihr Wirken oder ihr Schicksal berühren, bewegen und manchmal sogar die Welt ein Stück verändern.
Mit der Ernennung zu Heiligen ehren wir Menschen, die für besondere Werte, außergewöhnlichen Mut oder gelebte Menschlichkeit stehen. Ob sie noch unter uns weilen oder bereits verstorben sind, spielt dabei keine entscheidende Rolle. Was zählt, ist die Bedeutung ihres Handelns und die Botschaft, die sie uns mitgeben.
Unsere Heiligen sind keine entrückten Gestalten auf goldenen Sockeln. Sie sind Vorbilder, Wegbegleiter und Teil unserer Geschichte. Sie erinnern uns daran, für Liebe, Vielfalt, Würde und Menschlichkeit einzustehen – und auch dort nicht zu schweigen, wo Menschen Ausgrenzung, Hass und Gewalt erfahren.
Denn Heiligkeit beginnt nicht erst mit dem Tod. Sie zeigt sich im Leben.

Matthew Shepard
1976 – 1998 | Heiliger und Schutzpatron der Engel
Matthew Wayne Shepard wurde am 1. Dezember 1976 in Casper, Wyoming, geboren. Der junge US-amerikanische Student wurde 1998 im Alter von nur 21 Jahren Opfer eines brutalen Gewaltverbrechens, das weltweit Entsetzen auslöste und zu einem Symbol für den Kampf gegen Hass und Diskriminierung homosexueller Menschen wurde.
Am 6. Oktober 1998 wurde Matthew in Laramie, Wyoming, von zwei Männern angegriffen, schwer misshandelt und an einen Zaun gefesselt zurückgelassen. Sechs Tage später, am 12. Oktober, erlag er seinen Verletzungen.
Sein Tod bewegte Menschen weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus. Matthew wurde zu einer Symbolfigur der LGBTQ+-Bürgerrechtsbewegung und sein Schicksal trug dazu bei, die gesellschaftliche Diskussion über Hasskriminalität nachhaltig zu verändern. 2009 wurde in den USA der nach ihm und James Byrd Jr. benannte Hate Crimes Prevention Act verabschiedet, der den bundesrechtlichen Schutz vor bestimmten Hassverbrechen erweiterte.
Doch Matthew Shepard war weit mehr als das Opfer eines Verbrechens. Er war ein junger Mensch mit Hoffnungen, Träumen und einem Leben, das noch vor ihm lag. Sein Name steht heute nicht nur für die Erinnerung an erlittenes Unrecht, sondern auch für den Wunsch nach einer Welt, in der niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung Angst haben muss.
Matthew Shepard – Ein Heiliger des Hamburger Hauses
Auch an den Hamburger Schwestern der Perpetuellen Indulgenz ging die Geschichte von Matthew Shepard nicht spurlos vorüber. Das grausame Verbrechen erschütterte uns zutiefst. Wir waren fassungslos darüber, wie viel Hass einem jungen Menschen allein aufgrund seiner sexuellen Orientierung entgegenschlagen konnte.
Anfang 1999 nahmen wir deshalb Kontakt zur Familie Shepard auf. Wir erzählten ihnen, wer wir sind, wofür wir stehen und welche Arbeit wir als Schwestern der Perpetuellen Indulgenz leisten. Vor allem aber teilten wir ihnen unseren Wunsch mit, Matthew auf eine ganz besondere Weise zu ehren: Wir wollten ihn zum Heiligen unseres Hamburger Hauses ernennen.
Schon kurze Zeit später erhielten wir eine bewegende Antwort von Matthews Mutter. Sie gab uns ausdrücklich ihren Segen für dieses Vorhaben – eine Geste, die uns bis heute viel bedeutet.
So wurde Matthew Shepard am 1. April 1999 offiziell zum Heiligen und Erzengel des Hamburger Hauses ernannt.
Doch mit dieser Ernennung sollte die Erinnerung an Matthew nicht einfach zu einem Kapitel unserer Ordensgeschichte werden. Bis heute ist die Auseinandersetzung mit seinem Leben und seinem Schicksal ein fester Bestandteil der Ausbildung unserer neuen Ordensmitglieder. Das gilt ausdrücklich für alle Schwestern, Gardisten und Engel.
Auch der hochkarätig besetzte Film The Laramie Project aus dem Jahr 2002 gehört zu den Filmen, mit denen sich unsere Novizinnen und Novizen während ihrer Ausbildung beschäftigen sollen. Er erzählt nicht nur von den Folgen des Verbrechens, sondern zeigt eindringlich, wie eine ganze Gesellschaft mit Hass, Vorurteilen und ihrer eigenen Verantwortung konfrontiert wird.
Matthew Shepard ist für uns nicht nur ein Name aus der Vergangenheit. Er bleibt eine Mahnung, niemals wegzusehen, wenn Menschen aufgrund ihrer Identität, ihrer Liebe oder ihres Andersseins ausgegrenzt und angegriffen werden.
Weiterführende Informationen: Matthew Shepard Foundation
Petra Klüfer
1944 – 2013 | Heilige
Petra Klüfer gehörte zu den engagierten und unverwechselbaren Persönlichkeiten der deutschen AIDS-Hilfe-Bewegung. Über viele Jahre setzte sie sich mit großer Entschlossenheit für die Rechte, die Würde und die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit HIV und AIDS ein. Dabei war sie alles andere als eine Frau der leisen Töne: streitbar, direkt, humorvoll und mit einer bemerkenswerten Lust an der Provokation.
Geboren im Dezember 1944 in Baden-Baden, erhielt Petra 1992 selbst die Diagnose HIV-positiv. Sie entschied sich für einen offenen Umgang mit ihrer Infektion und machte ihre persönlichen Erfahrungen zum Ausgangspunkt ihres gesellschaftlichen Engagements. Bereits 1993 wurde sie im Vorstand der AIDS-Hilfe Hamburg aktiv. Später brachte sie ihre Erfahrungen auch in bundesweite und internationale Gremien ein. Ihr besonderes Anliegen war die Selbstbestimmung von Menschen mit HIV: Sie sollten nicht nur Gegenstand gesundheitspolitischer Entscheidungen sein, sondern selbst mitreden, mitgestalten und gehört werden.
Petra verstand es, Berührungsängste mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu begegnen. Sie bezeichnete sich selbst als „HIVchen zum Anfassen“ und machte damit auf ihre ganz eigene Weise deutlich, dass eine HIV-Infektion keinen Menschen zu einem gesellschaftlichen Außenseiter machen darf.
Auch mit den sichtbaren körperlichen Veränderungen durch die Lipodystrophie, die im Zusammenhang mit damaligen HIV-Therapien auftreten konnte, ging sie auf ungewöhnliche Weise um. Anstatt ihren veränderten Körper dauerhaft zu verstecken, machte sie ihn zum Gegenstand einer bewussten Provokation. Unter dem Namen „Lipo-Else“ ließ sie sich von dem Fotografen Sven Karl Mai nackt porträtieren. Die Aufnahmen sorgten bei einer Bundespositivenversammlung in Kassel für erhebliche Irritationen. Doch genau darin lag auch ihre Botschaft: Sie ließ sich weder von gesellschaftlichen Schönheitsidealen noch von den Erwartungen anderer Menschen vorschreiben, wie sie mit ihrem Körper umzugehen hatte.
Für ihren außergewöhnlichen Einsatz wurde Petra Klüfer 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ihre Arbeit, ihre Offenheit und ihr unermüdlicher Kampf gegen Ausgrenzung machten sie zu einer wichtigen Stimme innerhalb der deutschen HIV- und AIDS-Selbsthilfebewegung.
Am 17. Mai 2013 starb Petra Klüfer im Alter von 68 Jahren. Sie hinterließ weit mehr als die Erinnerung an eine engagierte Aktivistin. Sie zeigte, dass gesellschaftlicher Widerstand nicht immer mit ernster Miene stattfinden muss – manchmal braucht es dafür auch eine gehörige Portion Sarkasmus, ein provokantes Foto und den Mut, ganz unverstellt man selbst zu sein.
Petra Klüfer und die Hamburger Schwestern
Petra Klüfer war für die Hamburger Schwestern der Perpetuellen Indulgenz weit mehr als eine bekannte Persönlichkeit der AIDS-Hilfe-Bewegung. Wir kannten sie persönlich, begegneten ihr über viele Jahre und schätzten sie als einen Menschen, der mit seiner Meinung selten hinter dem Berg hielt.
Petra konnte streitbar, unbequem und herrlich sarkastisch sein. Eigenschaften, mit denen sie bei uns durchaus auf offene Ohren traf. Schließlich gehörten ein etwas schräger Humor, eine gehörige Portion Selbstironie und gelegentlich auch ein ziemlich loses Mundwerk schon immer zum Hamburger Ordensleben. In dieser Hinsicht passten Petra und die Hamburger Schwestern ausgesprochen gut zusammen.
Wir erlebten auch, wie sich Petras Leben im Laufe der Jahre veränderte. Als sie schließlich auf einen Rollstuhl angewiesen war, konnte sie darüber ausgiebig und mit bemerkenswerter Wortgewalt schimpfen. Doch auch in solchen Momenten blieb sie für uns unverkennbar Petra: direkt, temperamentvoll und alles andere als bereit, sich widerstandslos mit den Widrigkeiten des Lebens abzufinden.
Für uns stand schon zu Petras Lebzeiten fest, dass sie einen besonderen Platz unter den Heiligen unseres Hamburger Hauses verdient hatte. Nicht, weil sie einem traditionellen Bild von Heiligkeit entsprach – davon war Petra vermutlich ungefähr so weit entfernt wie wir selbst. Sondern weil sie mit ihrem Mut, ihrer Unbeugsamkeit, ihrem Humor und ihrer Lust an der Provokation genau jene Haltung verkörperte, die wir an Menschen besonders schätzen.
Wir hatten mit Petra bereits darüber gesprochen, sie zur Heiligen unseres Hauses zu ernennen. Doch leider kam es nicht mehr dazu. Das Leben – oder vielmehr der Tod – war am Ende schneller als wir. Dass wir ihr diese besondere Ehrung nicht mehr persönlich zuteilwerden lassen konnten, hat uns sehr betrübt.
Ihre Ernennung zur Heiligen erfolgte schließlich in aller Stille. Eigentlich so gar nicht Petras Art. Wer sie kannte, kann sich vermutlich lebhaft vorstellen, dass sie dazu selbst einen ausgesprochen treffenden, möglicherweise wenig feierlichen Kommentar abgegeben hätte.
Mit ihrer Ernennung wollten wir nicht nur ihr außergewöhnliches Engagement würdigen, sondern vor allem auch den Menschen in Erinnerung behalten, den wir kennenlernen durften: eine mutige, leidenschaftliche, manchmal wunderbar unbequeme Frau, die sich nicht verbiegen ließ und die selbst in schwierigen Zeiten ihren unverwechselbaren Humor bewahrte.
Petra war keine Heilige der leisen Töne. Und genau deshalb hat sie ihren Platz unter unseren Heiligen mehr als verdient.
