Von Herz & Hertz – Wie ich meine Flügel fand
Mein Weg vom neugierigen Neuling zum Engel der Perpetuellen Indulgenz
Es gibt Momente, auf die man sich vorbereiten kann. Und es gibt Momente, in denen man plötzlich vor seiner Äbtissin kniet, mit freiem Oberkörper, einem schottischen Kilt und zwei großen weißen Engelsflügeln auf dem Rücken, während einem das Herz bis zum Hals schlägt. Der 18. Oktober 2026 war für mich so ein Moment. An diesem Tag wurde ich zum Engel der Perpetuellen Indulgenz geweiht. Aber eigentlich begann meine Geschichte schon viel früher.
Ein Grizzly auf der Suche nach seinen Flügeln
Als ich zum ersten Mal mit der Schwesternschaft in Berührung kam, war da zunächst einmal Neugier. Was sind das für Menschen, die mit weiß geschminkten Gesichtern, prächtigen Gewändern und einer ordentlichen Portion Frechheit durch die Welt ziehen? Die sich selbst Schwestern nennen, obwohl sie mit den üblichen Vorstellungen eines Klosters ungefähr so viel gemeinsam haben wie eine Discokugel mit einer Kirchenorgel?
Je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, dass hinter all dem Glitter etwas sehr Ernsthaftes steckt. Es geht um Liebe, Akzeptanz, Gemeinschaft und darum, für andere Menschen da zu sein, ohne vorher zu fragen, wen sie lieben, wie sie leben oder ob sie in irgendeine gesellschaftliche Schublade passen. Und es geht um Freude – nicht als oberflächliche Ablenkung von den Schwierigkeiten des Lebens, sondern als bewusste Entscheidung, ihnen etwas entgegenzusetzen.
Das hat mich angesprochen. Ich bin nun einmal ein ziemlich großer Kuschel-Grizzly mit einem weichen Herzen. Die Vorstellung, dieses Herz nicht nur privat, sondern auch im Dienst einer Gemeinschaft einzusetzen, gefiel mir. Also machte ich mich auf den Weg.
Postulat, Noviziat und die Sache mit der Geduld
Wer glaubt, man müsse sich bei den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz nur ein paar Flügel umschnallen und schon sei man ein Engel, irrt gewaltig. Auch Engel durchlaufen ihren Weg durch Postulat und Noviziat. Und dieser Weg verlangt mehr als ein hübsches Outfit.
Man muss zuhören können, Verantwortung übernehmen, sich mit den Werten des Ordens auseinandersetzen und verstehen, dass Aufmerksamkeit allein noch keine Hilfe ist. Hinter einem freundlichen Lächeln steckt manchmal sehr viel Arbeit. Für mich bestand eine der größten Herausforderungen darin, nicht immer sofort alles perfekt machen zu wollen. Wenn irgendwo eine Aufgabe auftaucht, möchte ich am liebsten schon die Ärmel hochkrempeln, bevor überhaupt jemand den Satz zu Ende gesprochen hat.
Das klingt zunächst nach einer guten Eigenschaft. Aber Engagement bedeutet nicht, überall gleichzeitig sein zu müssen. Zuhören kann wichtiger sein als Handeln, und manchmal muss man anderen Menschen Raum geben, statt ihnen mit den eigenen guten Absichten versehentlich auf die Füße zu treten.
Natürlich gab es auch Unsicherheiten. Bin ich wirklich geeignet? Kann ich den Erwartungen gerecht werden? Habe ich verstanden, worauf es ankommt? Auf solche Fragen findet man nicht immer sofort eine Antwort. Aber vielleicht gehört gerade das zu einem ernst gemeinten Weg: zu akzeptieren, dass man nicht vollkommen sein muss, um etwas Gutes zu bewirken.
Ein Haus, viele Menschen und noch mehr Herzen
Was mich an unserer Gemeinschaft besonders beeindruckt, ist ihre Vielfalt. Schwestern, Gardisten und Engel bringen unterschiedliche Erfahrungen, Begabungen und Persönlichkeiten mit. Nicht immer sind wir einer Meinung. Und vermutlich wäre ein Orden, in dem alle ständig dasselbe denken, auch ziemlich langweilig.
Entscheidend ist für mich, was uns verbindet. Wir wollen Menschen mit Würde begegnen, Vorurteile hinterfragen, Ausgrenzung entgegentreten und dort Freude verbreiten, wo sie vielleicht schon lange gefehlt hat. Dabei darf gelacht werden. Laut sogar! Denn Humor ist keine Nebensache unseres Ordens. Er kann Türen öffnen, Unsicherheiten abbauen und Gespräche ermöglichen, die sonst vielleicht niemals stattfinden würden.
Ich habe außerdem verstanden, dass Fürsorge nicht immer eine große Geste braucht. Manchmal ist es ein offenes Ohr, ein freundliches Wort, ein gemeinsames Lachen oder eine Umarmung, wenn jemand gerade eine gebrauchen kann. Vielleicht ist das der Teil des Engelsdaseins, der mir am nächsten liegt.
Der Tag, an dem die Glocken läuteten
Und dann kam dieser 18. Oktober. Ich wurde in das Zeremonienzimmer gerufen, ausdrücklich in meinem besten Kilt, mit freiem Oberkörper und weißen Engelsflügeln. Spätestens da ahnte ich, dass etwas Besonderes bevorstand.
Unsere Hanseatische Äbtissin, Mutter Madonna Erotica, erwartete mich im festlichen Zeremoniengewand. Vor ihr lag ein Kissen, auf dem ich niederknien sollte. Ich gebe zu: In diesem Moment war von meiner sonstigen großen Klappe nicht mehr besonders viel übrig.
Mutter Madonna sprach über meinen Weg, mein Engagement und darüber, dass sie meine Bemühungen sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen hatte. Dann verkündete sie meine Aufnahme als Engel der Perpetuellen Indulgenz. Ich glaube, ich habe selten so intensiv gespürt, wie viel Bedeutung ein einziges Wort haben kann.
Engel
Nicht, weil ich etwas Besseres wäre als zuvor oder plötzlich alles wüsste und könnte. Sondern weil mir eine Gemeinschaft ihr Vertrauen schenkte und aus einer Hoffnung eine Aufgabe geworden war. Ein Augenblick, den ich so schnell nicht vergessen werde.
Liebe, Glitter und ein ziemlich frecher kleiner Bruder
Natürlich wäre eine Engelsweihe bei den Schwestern keine richtige Engelsweihe ohne eine gehörige Portion Glitter. Und Mutter Madonna ließ sich nicht lumpen. Mit den Worten „Mögen deine Wege allzeit von Liebe & Glitter bedeckt sein“ überschüttete sie mich mit einer derart großzügigen Menge, dass ich vermutlich noch in einigen Monaten glitzernde Erinnerungen aus meinen Locken kämmen werde.
Mein jüngerer Bruder Jonte, der der Zeremonie beiwohnte, fand das ausgesprochen komisch. Jedenfalls so lange, bis er selbst eine Handvoll Glitter abbekam. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten, dass ich diese pädagogische Maßnahme unserer Äbtissin für vollkommen angemessen halte. Lieber Jonte: Wer zuletzt lacht, glitzert am längsten!
Was danach folgte, werde ich ebenfalls nicht vergessen: Umarmungen, Glückwünsche, Schwesternküsse und ein Bruder, der plötzlich verdächtig feuchte Augen hatte. Und natürlich eine Äbtissin, die mich ganz fest in ihre Arme nahm. In diesem Augenblick war ich einfach nur glücklich.

Was meine Exequatur für mich bedeutet
Am Ende der Zeremonie hielt ich meine Exequatur in den Händen. Ein wunderschönes Dokument, ausgestellt von den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz zu Hamburg, Haus Notre Dame Sainte Diana, und unterzeichnet von unserer Hanseatischen Äbtissin.
Darin wird mein Dienst in hingebungsvoller Liebe und Fürsorge gewürdigt. Das sind große Worte, und ich möchte sie nicht als bloße Verzierung einer Urkunde verstehen. Für mich sind sie zugleich ein Versprechen, meine Aufgaben mit Offenheit, Respekt und Freude anzugehen, nicht wegzusehen, wenn Menschen Unterstützung brauchen, und mir die Fähigkeit zu bewahren, über mich selbst zu lachen.
Meine Flügel machen mich nicht zu einem besseren Menschen. Aber sie erinnern mich daran, welcher Mensch ich sein möchte.
Und jetzt beginnt mein Weg erst richtig
Mit meiner Weihe ist mein Weg nicht abgeschlossen. Eigentlich beginnt jetzt ein neuer Abschnitt. Ich werde Fehler machen, vermutlich manchmal zu viel reden, gelegentlich über meine eigenen Flügel stolpern und ganz sicher nicht immer die perfekte Antwort haben. Aber ich werde dazulernen.
Ich möchte ein Engel sein, bei dem Menschen nicht das Gefühl haben, sich verstellen zu müssen. Einer, der zuhört, ohne gleich zu urteilen, der auch in schwierigen Momenten ein bisschen Wärme mitbringt und niemals vergisst, dass Liebe und Humor manchmal erstaunlich viel bewegen können.
Vor allem aber möchte ich mir etwas bewahren, das ich auf diesem Weg gelernt habe: Man muss nicht erst Flügel besitzen, um für jemanden ein Engel zu sein. Manchmal reicht es, einfach da zu sein.
In Liebe, Freude und mit einer vermutlich lebenslangen Restmenge Glitter,
Euer Engel Finn von Herz & Hertz S.P.I. 🪽💜